Kindern Halt geben
Kindern von Suchtkranken Halt geben: Zweites Kooperationsprojekt mit dem Bundesverband der Betriebskrankenkassen, mit dem Ziel, Kinder von Suchtkranken aus ihrer sozialen Isolation herauszuhelfen und Berufsgruppen, die mit Kindern zu tun haben, auf das Leid der Kinder aufmerksam zu machen. Gefördert durch den BKK Bundesverband.
Ein Blick hinter die Fassaden der Familien
Fachtag „Kinder von sucht- und psychisch kranken Eltern Halt geben“
Gespannte Stille herrschte im Haus der Kirche in Kassel, als betroffene Kinder und Eltern in einer Interviewrunde davon erzählten, wie sie Suchtkrankheit oder psychische Krankheit erlebt hatten. Das Interview war eine von vielen Möglichkeiten zur Information und zum Austausch, die der Fachtag „Kindern von sucht- und psychisch kranken Eltern Halt geben“ Ende Januar 2010 bot. Rund 100 Teilnehmende, größtenteils Lehrkräfte und Horterzieherinnen, aber auch einige Mitarbeitende aus Selbsthilfegruppen, waren zu diesem Fachtag gekommen, der vom Bundesverband der Freundeskreise organisiert und vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK BV) finanziert und unterstützt wurde.
Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans (FDP) räumte dem Thema in ihrem Grußwort einen hohen Stellenwert ein. „Im Vordergrund unserer Bemühungen muss das Kindeswohl stehen“, stellte sie fest und sagte ihre Unterstützung zu für die notwendige Arbeit mit Eltern und Kindern, aber auch für die notwendige Kooperation. Eben diese Kooperation hatte in Kassel gut funktioniert. Seit einigen Jahren bereits gibt es Kontakte zwischen dem Bundesverband der Freundeskreise, dem Jugendamt des Landkreises Kassel, der Drogenhilfe Nordhessen e.V., dem Schul- und Gesundheitsamt und dem Emstaler Verein e.V. Ein gemeinsamer Fachtag für die Zielgruppe Erzieher/innen und Selbsthilfe war bereits in 2008 gemeinsam vorbereitet und durchgeführt worden. Diese damaligen Kontakte wurden weiter ausgebaut. Zur Kooperation hinzu kam noch der Freundeskreis Kassel. Um die Erfahrungen dieser beispielhaften Zusammenarbeit weiterzugeben, hatte der BKK BV die Broschüre „Kooperation der Helfer“ finanziert. Mit ihr soll auch die Selbsthilfe ermutigt werden, ihre Betroffenenkompetenz in solche Kooperationen einzubringen. Die Broschüre ist beim Bundesverband der Freundeskreise ab sofort zu haben.
Der „Blick hinter die Fassaden“ war auch bei diesem Fachtag zentral. Mit einem Film, Referaten und Interviews wurde deutlich, was die Kinder von suchtkranken Eltern erlebten: Unzuverlässigkeit der Eltern, nicht eingehaltene Versprechen. Dies ließ die Kinder früh erwachsen werden und nicht kindgerechte Verantwortung übernehmen. Das Umfeld merkte oft nichts oder sagte nichts. Das beklagte auch Klaus Limpert vom Freundeskreis Kassel. Als betroffener Vater plädierte er dafür, das Tabu zu brechen und die Eltern in Gesprächen in ihre Verantwortung als Eltern zu nehmen.
Niemand habe sie in der Schule angesprochen, als ihr Vater Selbstmord beging, schilderte Melanie Gorspott, Leiterin der Beratungsstelle Auryn in Leipzig und Tochter eines depressiven Vaters. Damals war sie 12. Meike Strakerjahn vom Freundeskreis Mimmenhausen machte deutlich, wie wichtig für sie Ansprechpartner wie ihre Großeltern und eine befreundete Familie gewesen waren. Sie plädierte für Lehrkräfte, die nicht nur nach dem Lehrstoff, sondern auch nach den Kindern und ihren Gefühlen fragen.
So schilderte die Leiterin einer Förderschule, wie sie behutsam mit einem Schüler über dessen Schulschwänzen ins Gespräch gekommen sei und ihm letztendlich ein adäquates Hilfeangebot machen konnte. Deutlich wurde bei dem Fachtag auch, dass es in Kassel eine Fülle von qualifizierten Hilfen und Ansprechpartner gibt. Ob das nun das Jugendamt oder das Gesundheitsamt oder Träger von Angeboten für Suchthilfe und psychisch Kranke sind. Insgesamt stellten sich bei dem Fachtag 15 Stellen bei einem Basar vor und boten den Teilnehmenden die Möglichkeit zu Austausch und Information.
Am Ende machte Klaus Limpert als betroffener Vater deutlich, wie schmerzhaft es für Eltern sein kann zu erkennen, was sie mit ihren Kindern alles versäumt haben. Solche Gefühle von Schmerz, Schuld und Scham aufzuarbeiten ist auch Aufgabe der Sucht-Selbsthilfe, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Freundeskreise, Brigitte Sander-Unland. Eltern müssten ihren Kindern die Erlaubnis geben, sich Hilfe zu holen und etwas für sich zu tun.
Den Schlusspunkt unter einen gelungenen Fachtag setzte das Projekt „Purpur“ mit Playback-Theater. Drei Akteure auf der Bühne spielten spontan nach, was die Teilnehmenden an Gefühlen, Erlebnissen und Wichtigem zum Fachtag erzählten. Am Ende gingen viele zwar müde, aber auch ermutigt und gestärkt nach Hause.
Das Grußwort der Bundesdrogenbeauftragten finden Sie hier.
Fotos vom Fachtag finden Sie hier.





